Vierter Sonntag der Osterzeit, 22. April 2018


Der gute Manager? (Joh 10,11-18)

Liebe Schwestern und Brüder,
schon in der frühesten Zeit der Kirche, die wir in der Apostelgeschichte nachlesen können – sogar schon in einer Zeit, in der die Bibel noch gar nicht aufgeschrieben war – brauchte es Menschen, die das Wort Gottes auslegten.
Jesus hat zwar eine klare und einfache Sprache verwendet, indem er viel in Bildern und griffigen Erklärungen gesprochen hat. Aber ohne Zweifel ist die Bibel nicht nur Gottes ewig gültiges Wort, das uns von Jesus Christus überliefert wurde, sondern sie ist auch ein zeitgeschichtliches Dokument, das eben zu einer ganz bestimmten Zeit in einem ganz bestimmten Winkel unserer Erde entstanden ist.
Theoretisch hätte Jesus ja auch irgendwo ganz anders auf der Welt geboren werden können, z.B. als Aborigine oder als Eskimo. Dann würden seine Gleichnisse von Kängurus oder Robbenbabies handeln. Er hätte auch im Mittelalter oder während der Industriellen Revolution geboren werden können, dann hätte er seinen Jüngern das Reich Gottes vielleicht anhand einer Dampfmaschine erklärt.
Es gibt ja keinen äußerlich zwingenden Grund, warum Jesus ausgerechnet um das Jahr 6 vor der Zeitrechnung und ausgerechnet in Palästina geboren werden musste. Wenn Gott ein Mensch werden wollte, um im Tod den Tod zu besiegen und uns das ewige Leben zu eröffnen, dann hätte er das zu jedem anderen Zeitpunkt und an jedem anderen Ort dieser Welt auch tun können!

Diese verblüffende Erkenntnis muss man im Hinterkopf haben, wenn man sich den biblischen Erzählungen nähert. Denn natürlich enthalten alle diese Bilder und Worte eine ewig gültige göttliche Wahrheit, aber sie wurden auch auf einem bestimmten Hintergrund und für eine bestimmte Zuhörer- oder Lesergruppe geschrieben, von einem Menschen, der auch aus einem bestimmten Hintergrund stammte und deshalb nur über ein bestimmtes Wissen verfügte. Deshalb bringt es auf jeden Fall nichts, wenn man die Bibel einfach wörtlich zu nehmen versucht. Besser ist es, sie auszulegen – im Geist und in der Wahrheit.

Ein Beispiel dafür ist die Bildrede vom „Guten Hirten“. Natürlich verstehen wir, was Jesus uns damit sagen wollte, weil man uns diese Stelle schon hinreichend oft ausgelegt hat. Denn – einfach so würden wir diese Stelle heutzutage vielleicht gar nicht mehr kapieren! Das wäre, wie wenn Sie heute einem Erstkommunionkind das Reich Gottes anhand eines Telefons mit Wählscheibe erklärten. Das Kind wird nicht verstehen, wovon Sie reden, weil es kein Telefon mit Wählscheibe kennt. Das gleiche Problem hat der „gute Hirte“. Es gibt in unseren Breiten fast keine Hirten mehr, und wenn wir zufällig mal einem begegnen, dann wissen wir nicht, was ein Hirte heutzutage so tut. Und selbst, wenn wir es wüssten oder es uns von ihm erklären ließen, dann wüssten wir immer noch nicht, was ein Hirte vor 2000 Jahren getan hat. Wir können es uns denken, das ist der Vorteil von den einfachen Vergleichen, die Jesus verwendet hat, aber wissen tun wir es nicht mehr, und erleben können wir es auch nicht mehr!

Ich war neulich im Auto unterwegs zwischen Staig und Mochenwangen und schau da so in die blühenden Wiesen und Felder – und hab mir gedacht: Weit und breit keine Schafherde in Sicht! Mir war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass die alljährliche Predigt über den „guten Hirten“ unausweichlich näherkäme – und habe mir überlegt: Was hätte Jesus wohl heute für ein Bild verwendet? Das ist nämlich gar nicht so einfach! Was entspricht denn in unserer Zeit einem „guten Hirten“? Die Eigenschaften sind ja klar: der Hirte hat den Überblick, er passt auf die Schafe auf, sorgt also für ihre Sicherheit, er lenkt sie in die passende Richtung, er sammelt sie wieder ein, wenn eines sich verläuft, usw.

Aber wer im 21. Jahrhundert macht so etwas?

Wäre der „gute Hirte“ heute der „gute Manager“? Einer, der in seinem Unternehmen den Überblick hat (also mehr Überblick als die Manager bei VW oder Audi), der auf die Schafe aufpasst (also besser als die Manager bei Opel, die gerade 4000 Schafe entlassen), der für ihre Sicherheit sorgt (also besser als die Manager bei Haribo oder KIK, die irgendwelche Billigarbeiter unter miserablen Bedingungen schuften lassen), der sie in die passende Richtung lenkt (also nicht wie bei ALNO in die Insolvenz), usw. Bräuchten wir heute einen „guten Manager“ als Sinnbild für das Reich Gottes? Oder den guten Massentierhalter? Oder wäre ein Vertreter des BUND oder des WWF ein guter Hirte unserer Zeit? Oder jemand von Greenpeace?

Mich hat dieser Gedanke durchaus fasziniert! Wie hätte die Bibel geklungen, wäre sie erst vor 20 oder 30 Jahren entstanden? Oder vor hundert? Wie hätte uns Jesus seine Botschaft erklärt, die ja heute genau die gleiche wäre wie damals – nur unter anderen Vorzeichen? Er hätte sich im Grunde meinen Kopf zerbrechen müssen, denn ich als predigender Pfarrer stehe heute ja vor genau diesem Problem, dass ich einen 2000 Jahre alten Text aus einem 2000 Jahre alten Kontext aus einem ganz anderen Winkel der Erde, hier in dieser Gemeinde im Jahr 2018 zum Sprechen bringen muss, damit Sie nachher beglückt nachhause gehen! Obwohl es hier keine Hirten und keine Schafe mehr gibt. Und offenbar auch keine guten Manager …

Und plötzlich merken wir: Damals war es – zumindest theoretisch – vorstellbar, dass ein Hirte bei der Verteidigung seiner Schafe z.B. gegen einen Wolf verletzt wird oder gar ums Leben kommt! Kann man sich vorstellen, dass ein Manager in einem DAX-Unternehmen sein Leben für seine Mitarbeiter hingibt? Oder ein Fußballtrainer für seine Mannschaft? Oder ein BAMF-Mitarbeiter für seine Flüchtlinge? Ein Kapitän für seine Passagiere oder ein Arzt für seine Patienten? Vielleicht hat Jesus mit seinem „guten Hirten“ also doch das beste denkbare Bild verwendet – sogar noch 2000 Jahre später. Amen.