Zeit, Abschied zu nehmen ...!

Die Predigt am 21. Oktober ist die letzte, die Sie auf dieser Seite lesen können. Ich bedanke mich bei allen treuen Leserinnen und Lesern, die allwöchentlich meine Predigten gelesen oder nachgelesen haben. Ich hoffe, dass bereichernde Gedanken für Sie dabei waren.
Ich werde mich darum bemühen, meine Predigten auch weiterhin online zu stellen, doch noch ist die Internetseite meiner neuen Gemeinde nicht entsprechend eingerichtet. Es könnte also eine Weile dauern. Wenn Sie möchten, dann schauen Sie doch ab und zu vorbei: www.stm-ck.de

Ihr Pfarrer Stefan Pappelau

Kirchweihsonntag, 14. Oktober 2018


Du hast gewollt, dass dein Volk Kirche heiße!

Liebe Schwestern und Brüder,
es kommt immer wieder vor, dass ein Name oder ein Begriff durch die öffentliche Diskussion so in Misskredit gerät, dass er irgendwann „verbrannt“ ist und nicht mehr verwendet werden kann.
Als Markenname ist vielleicht „Monsanto“ verbrannt. Der US-Konzern ist durch zweifelhafte Patentanmeldungen und durch das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat so in die Schlagzeilen geraten, dass man unter diesen Firmennamen mittlerweile vermutlich nichts mehr verkaufen kann. Drum hat ja Bayer Monsanto übernommen und wird vermutlich den Firmennamen tilgen.
„Ausländermaut“ ist auch so ein verbrannter Begriff, mit dem man – im wahrsten Sinne des Wortes – keinen Staat mehr machen kann. Da ist dann immer die politische Kunst, für die gleiche Sache ein anderes Wort zu finden, und darauf zu spekulieren, dass das Wahlvolk den Kuhhandel nicht durchschaut.

Mittlerweile frage ich mich ernsthaft, wie es mit dem Markennamen „Kirche“ ist. Kann man unter dem Aushängeschild „Kirche“ heutzutage noch firmieren? Zur Zeit läuft es ja überhaupt nicht rund – und da meine ich nicht nur die Diskussion über die Missbrauchsstudie. Im September hat der Europäische Gerichtshof das kirchliche Arbeitsrecht beschnitten, weil ein katholisches Krankenhaus einem Chefarzt gekündigt hat, der wieder geheiratet hatte – mit der Begründung, dass ja wohl das eine nichts mit dem anderen zu tun hätte. Im Juni berichtete Spiegel Online darüber, dass der Staat so viel Geld wie nie an die beiden Kirchen in Deutschland überweist, und das in Zeiten, da die Kirchen selber Kirchensteuereinnahmen in Rekordhöhe verzeichnen. Gleichzeitig erleben wir aber hier konkret bei uns, dass die Diözesanverwaltung immer geiziger wird, wenn es darum geht, Personal einzustellen oder Kirchen zu renovieren. Und seit ein paar Tagen sorgt die Absetzung des Rektors der Frankfurter Jesuitenhochschule für Aufruhr, worauf der Jesuiten-Provinzial Johannes Siebner dem Vatikan den „Stil eines byzantinischen Hofstaats“ vorwarf, „als hätte man nichts mitbekommen oder verstanden von der Diskussion über Machtmissbrauch“. Die Folge: Ein Shitstorm und Kopfschütteln allerorten – sogar bei denen, die der Kirche eigentlich wohlwollend gegenüberstehen.

Tja – wenn’s läuft, dann läuft’s. Aber Werbung in eigener Sache ist das derzeit nicht gerade …

Liebe Schwestern und Brüder,
im Tagesgebet haben wir einen interessanten Satz gehört: „Allmächtiger Gott, du hast gewollt, dass dein Volk Kirche heiße“. Zur Zeit muss man befürchten, dass Gott in seiner Allmacht diese Idee für gar nicht mehr so gut hält, macht doch seine Kirche derzeit hauptsächlich negative Schlagzeilen, die das Gute und Schöne, das die Kirche vollbringt, vollends in den Hintergrund treten lässt. Mit der Folge, dass sich immer weniger zu dieser Kirche bekennen oder für diese Kirche arbeiten wollen.

Was heißt es denn eigentlich, „Kirche“ zu heißen?

Unser deutsches Wort „Kirche“ stammt – im Gegensatz zu vielen anderen Sprachen – nicht vom Wort „ecclesia“ ab, sondern vom griechischen Wort „kyriake“, das wiederum zusammengesetzt ist aus „kyrios“ und „oikia“ – also „Haus des Herrn“. Viele andere Sprachen wie italienisch, französisch oder spanisch reden von „chiesa“, „église“ oder „iglesia“ und beziehen sich damit auf das griechische Wort „ekklesía“, das „Herausrufen zu einer Versammlung“ bedeutet. Wenn Gott also will, dass sein Volk „Kirche“ heißt, dann verbindet sich damit ein Auftrag: Ein „Haus des Herrn“ zu sein – wenn man es auf das steinerne Gebäude bezieht – bzw. ein „Hauswesen des Herrn“ – wenn man es auf das menschliche Miteinander bezieht. Denn das griechische Wort bedeutet sowohl das konkrete Haus, als auch alles, was zu einem „Hausstand“ gehört, also z.B. auch gutes Wirtschaften. Daher kommt dann unser Fremdwort „Ökonomie“.
Wenn man ein Haus hat, dann muss man auch vernünftig wirtschaften, um dieses Haus zu unterhalten und zu erhalten, sonst verfällt es irgendwann. Und genau vor diesem Problem scheint unsere Kirche gerade zu stehen: Dass wir einen prächtigen Immobilienbestand haben an Kirchen, Kindergärten, Krankenhäusern und Altersheimen, dass es uns aber nicht gelingt, damit vernünftig und im Sinne Jesu zu wirtschaften! Im Bayerischen gibt es dafür ein passendes Sprichwort: „Was er mit dem Kopf arbeitet, reißt er mit dem Arsch wieder ein!“ Wenn wir „Kirche“ heißen wollen, dann müssen wir auch einlösen, was dieses Wort bedeutet: Ein „Hausstand des Herrn“ zu sein, in dem so gehandelt wird, wie es im Sinne Jesu ist. Und zwar nicht nur bei „denen da oben“, sondern auch hier bei uns an der sog. „Basis“. Und da hapert es derzeit ziemlich, hab ich so den Eindruck.

Vielleicht wäre die Lösung doch die „ecclesia“ – das, was Papst Benedikt XVI. vor ziemlich genau sieben Jahren „Entweltlichung“ genannt hat. Ich glaube, wir haben uns als Kirche in viel zu viele Dinge verstrickt, aus denen wir uns derzeit nicht mehr befreien können: Wir besitzen zu viel – zu viel Geld, zu viele Grundstücke, zu viele Immobilien, zu viel Einfluss. Wir haben uns in zu viele Dinge eingemischt – in das Arbeitsrecht, in das Privatleben der Menschen, in die Moral, in die öffentliche Diskussion. Und wir beschäftigen uns zu sehr mit uns selbst – mit der Notwendigkeit, das viele Überflüssige effektiv zu verwalten, mit der Hoffnung, mit immer weniger Personal die immer gleichen Tätigkeiten aufrechtzuerhalten, und damit, unsere Privilegien zu verteidigen. Und wir haben immer weniger Zeit für das, wofür wir „herausgerufen“ sind – Anlaufstelle zu sein für die, die mühselig und beladen sind. Eigentlich wären wir als Kirche eine gute „Alternative für Deutschland“ – ein Hauswesen, das es besser macht. Aber leider lösen wir dieses Versprechen gerade nicht gut genug ein.

„Allmächtiger Gott, du hast gewollt, dass dein Volk Kirche heiße.“ Ich möchte heute hinzufügen: Dann mach uns dazu, mit aller göttlicher Macht! Nimm uns alles, was uns hindert zu dir, damit wir „das Haus sind, in dem deine Herrlichkeit wohnt.“ Amen.