Elfter Sonntag im Jahreskreis, 17. Juni 2018


Staunende Gelassenheit (Mk 4,26-34)

Liebe Schwestern und Brüder,
geht es nur mir so, oder leben wir gerade in einer furchtbar aufgescheuchten Zeit? Dieses unselige Geschacher zwischen CDU und CSU die ganze Woche über – ich kann es nicht mehr mitansehen! Die Diskussion über die Fußballweltmeisterschaft und ob man den Özil rausschmeißen soll und ob man während der Arbeitszeit Fußball gucken darf und ob Grillen während der WM unseren Planeten erwärmt? Ich ertrage es kaum noch! Und unsere Kirche diskutiert zum x-ten Mal über das Diakonat der Frau, den Zölibat und ob die Evangelischen zur Kommunion dürfen.

Ich leg mich nieder – und wäre damit in guter Gesellschaft! Denn der Sämann in unserem Gleichnis macht es genauso! Er legt sich erst mal hin! Er geht hinaus, sät Samen auf seinen Acker, geht heim und schläft! (Mk 4,27) Und dann wacht er irgendwann wieder auf, schaut aus dem Fenster, sieht, was sich getan hat in der Zwischenzeit – und staunt! Ich stell mir das vor: Wenn die Diözese wieder einen armdicken Stapel an Papieren schickt, was man alles tun und bearbeiten soll – dann lege ich mich ins Bett, schlafe und staune am nächsten Morgen, was sich automatisch schon alles erledigt hat, weil es inzwischen schon keinen mehr interessiert. Oder wenn der übliche Gemeindestress über mich hereinbricht, wenn er deine dies will und der andere sich über was anderes beschwert – dann lege ich mich ins Bett, schlafe, wache wieder auf und staune, dass die Kontrahenten längst eine andere Lösung gefunden haben.

Glauben Sie, dass das funkioniert? – Ihr Kleingläubigen!

Genau das ist unser Problem. Unser Gottvertrauen reicht genau so weit, bis es unseren eigenen Gestaltungsspiel-raum verlässt. Wir bitten doch Gott meistens darum, dass das, was wir tun wollen, gelingen möge! Also dass das, was ich selber mache, was ich selber plane, was ich mir selber vorstelle, gelingt. Was aber, wenn plötzlich etwas gelingt, was ich mir gar nicht oder ganz anders vorgestellt habe?

Wenn Jesus mit den beiden Gleichnissen von der selbstwachsenden Saat und vom Senfkorn das Reich Gottes erklärt, dann ist nämlich eins nicht vorgesehen: dass nichts passiert! Der Sämann muss zwar aktiv werden, wenn es darum geht, die Saat auszubringen. Aber alles, was danach folgt, liegt nicht in seiner Hand. Er schläft und staunt. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht. In anderen Gleichnissen hören wir, dass das Resultat unterschiedlich gut sein kann – dreißigfach, sechzigfach oder hundertfach (Mk 4,20). Aber das Ergebnis ist offenbar nie „null“. Irgendwas kommt also immer dabei raus – wir wissen im Voraus nur nicht, was!

Nun muss man zugeben, dass vor allem 14-, 15- oder 16-jährige Schüler nach diesem Prinzip verfahren: Wozu auf die Klassenarbeit lernen, irgendwas wir schon dabei herauskommen – mit unterschiedlichem „Erfolg“. Wir merken, dass diese paradiesische Gelassenheit nicht eins-zu-eins auf alle Lebensbereiche angewendet werden kann. Auch die Deutsche Bahn verfährt oft nach diesem Prinzip. Man steht am Bahnhof, schaut auf die Züge und staunt – ob sie fahren oder nicht und wenn ja, wann? Aber Jesus redet ja auch nicht von unserem normalen Leben, sondern vom Reich Gottes, also davon, wie er sich ein gelingendes Leben hier auf der Erde vorstellt, damit es dann hinübermündet in ein neues Leben im himmlischen Reich Gottes.

Denn seine Idee war ja, eine Jenseits-Vorstellung – also eine Erlösung in einem Paradies – mit einer Diesseits-Vorstellung zu verknüpfen. Das bedeutet: Wir machen unsere Welt hier jeden Tag ein bisschen besser, damit sie möglichst viel von dem schon vorwegnimmt, was uns dann in der Ewigkeit erwartet – also ein bisschen „Himmel auf Erden“ als Vorgeschmack auf den „richtigen“ Himmel. Wohl wissend, dass wir den Himmel auf Erden nie ganz verwirklichen werden und ihn auch nicht ganz verwirklichen müssen, weil die Vollendung erst in Gott geschieht. Und genau zu dieser Haltung passt das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat! Denn die anderen Konzepte hat es ja auch gegeben bzw. gibt es immer noch! Das eine Extrem wäre die Vorstellung, dass es gar keinen Himmel gibt, d.h. ich genieße mein Leben in vollen Zügen, solange bis ich tot bin; dann hat es sich wenigstens „gelohnt“. Und das andere Extrem ist, dass ich sage: Ich will so schnell wie möglich in den Himmel kommen, und alles hier auf der Erde hindert mich nur, d.h. ich ziehe mich quasi aus der Welt zurück, damit mir nichts im Wege steht. Jesus will uns Mut machen für den Weg dazwischen! Weder will er, dass wir uns ganz in dieser Welt verlieren und die Vorstellung haben, dass diese Welt alles ist. Noch will er uns dazu ermuntern, die Welt gering zu achten und möglichst schnell hinter uns zu lassen!

Das erste „Modell“ erleben wir gerade im Stil von „America first“, d.h. jeder denkt erst einmal an sich und schert sich nicht um die Folgen, z.B. für die nächste Generation. Da herrscht das Prinzip: Nach mir die Sintflut! Das zweite „Modell“ erleben wir gerade in unserer Wegwerfmentalität, d.h. alles, was nichts mehr taugt, wird weggeworfen. Nicht nur die ganzen Plastikverpackungen, sondern z.B. auch Beziehungen, Projekte, Träume. Alles, was nicht funktioniert, wird weggeworfen und ich suche mir sofort etwas Neues. Ich fliehe vor allem, was Anstrengung und Durchhaltevermögen erfordert.

Liebe Schwestern und Brüder,
ich bewundere diesen Sämann. Denn er wird aktiv, wenn Aktivität erforderlich ist, und er ist tiefenentspannt und völlig gelassen, wenn Gelassenheit erforderlich ist. Die Frage ist nur: Woher nimmt er diese Gelassenheit, und woher weiß er, wann der Zeitpunkt ist, zu handeln? Ich glaube, das erste ist ein Urvertrauen in die Kraft der Erde, und das zweite ist Erfahrung! Seine Vorfahren haben ihn erleben lassen, wie er es machen muss, und nun gibt er seine eigene Erfahrung an seine Kinder weiter. Ich glaube, das ist die große Herausforderung unserer Zeit: Wir dürfen unsere Glaubenserfahrung nicht verlieren! Wir brauchen auch Glaubenswissen, zweifelsohne. Aber vor allem brauchen wir Glaubenserfahrung! Wir brauchen das Zeugnis von denen, die vor uns gelebt haben, dass es sich lohnt, die Saat auszubringen, und dass es sich auszahlt, auf ihr Wachsen zu warten. Wir brauchen Menschen für diese Glaubenserfahrung! Wir brauchen Eltern, die es ihren Kindern vorleben, Lehrer, die es ihren Schülern vorleben, und wir brauchen uns, die wir es einander vorleben. Nur so erkennen wir, wann es Zeit ist, zu handeln, und wann der Zeitpunkt gekommen ist, wo wir uns zurücklehnen können, wo die Saat wachsen kann in der Kraft des Geistes, wo wir uns überraschen lassen können, was dabei herauskommt – und wo wir staunen. Amen.